Baden-Württemberg

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Pforzheim/Enz

VCD enttäuscht über Maulbronner Gemeinderatsentscheidung zum Stichgleis

Nach 25 Jahren Diskussionen über eine mögliche Reaktivierung der Bahnlinie nach Maulbronn ist noch immer kein Ende in Sicht: Der Maulbronner Gemeinderat hat mit knapper Mehrheit die Beauftragung einer Potentialanalyse abgelehnt. Dabei hatte der Landesvorsitzende des VCD auf Basis der Pendlerzahlen von und nach Maulbronn sowie der Mobilität der Bürger ein ausreichendes Fahrgastpotential für eine Reaktivierung ermittelt.

Gestern hat der Maulbronner Gemeinderat mit knapper Mehrheit die Beauftragung einer Potential-/Machbarkeitsstudie für die Maulbronner Bahnstrecke abgelehnt. Zuvor hatte Bürgermeister Andreas Felchle seine Zustimmung zur Beauftragung einer Machbarkeitsstudie ausführlich begründet. Denn damit sollte nach 25 Jahren Diskussionen über die Bahnlinie nach Maulbronn Klarheit geschaffen werden, ob eine zukünftige Reaktivierung der Bahnlinie für den täglichen Betrieb möglich oder ob das Potential doch nicht ausreichend ist. Doch diese Position war bei drei von vier Fraktionen nicht mehrheitsfähig. Andererseits gab es anschließend ein Patt beim Beschluss, dass keine Studie beauftragt, aber die Strecke als Eisenbahnanlage erhalten bleiben soll. Damit wird sich der Gemeinderat in nächster Zeit nochmals mit dem Thema beschäftigen müssen. Insbesondere steht noch die Beschlussfassung über die weitere Finanzierung der Stichstrecke nach 2021 aus.

Matthias Lieb aus Mühlacker, Landesvorsitzender des ökologischen Verkehrsclubs VCD, ist enttäuscht über die Ablehnung der Beauftragung der Machbarkeitsstudie durch eine knappe Mehrheit der anwesenden Gemeinderäte. Der VCD-Vorsitzende engagiert sich seit 25 Jahren für die Reaktivierung der Bahnlinie und hatte 1997 den sonntäglichen Ausflugszug „Klosterstadt-Express“, jetzt „Radexpress Kloster Maulbronn“, organisiert.

„Die Entscheidung reiht sich in eine lange Folge halbherziger Entscheidungen des Gemeinderates zum Stichgleis ein. Einerseits hatte 1996 der Gemeinderat mit der Bezuschussung eines Aktionstages von VCD und PRO BAHN die Einführung der Stadtbahn Mühlacker - Bretten überhaupt erst angestoßen. Andererseits gab es 1996-1999 kein Bekenntnis zur Einbeziehung der Stichstrecke in das Stadtbahnsystem. Die Stilllegung der Nebenstrecke wollte man damals aber auch nicht akzeptieren. Während anschließend die anderen Kommunen sich neue Haltepunkte in Ölbronn und Kleinvillars fördern ließen, hat Maulbronn relativ viel Geld für den kaum genutzten Westbahnhof und das AST sowie den sonntäglichen Klosterstadt-Express ausgegeben – die Anbindung der Klosterstadt an das Eisenbahnnetz damit aber nicht gelöst“, stellt Matthias Lieb fest.

Der VCD teilt deshalb die Sicht des Bürgermeisters, dass nun eine finale Entscheidung notwendig sei – die Potentialuntersuchung des Landes konnte die Besonderheiten der nur 2,3 Kilometer langen Stummelstrecke nicht ausreichend berücksichtigen, deshalb wäre dies nun auf Kosten der Stadt nachzuholen.

Im Vorfeld der Beratung hatte der Diplom-Wirtschaftsmathematiker Lieb auf Basis der Pendlerzahlen von und nach Maulbronn sowie der Mobilität der Bürger ein ausreichendes Fahrgastpotential für eine Reaktivierung ermittelt, das nun durch eine formale Machbarkeitsstudie nach Landeskriterien bestätigt werden müsste. In den letzten Jahren sei Maulbronn immer mehr zur „Schlafstadt“ geworden, denn von 10 Erwachsenen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, die in Maulbronn wohnten, arbeiteten inzwischen 6 außerhalb von Maulbronn und würden zu ihrem Arbeitsplatz pendeln, ergab die VCD-Untersuchung.

Doch die Mehrheit der anwesenden Gemeinderäte konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass zukünftig die Bürger weniger mit dem Auto und häufiger mit Bahn und Bus oder dem Rad unterwegs sein werden. „Hier zeigt sich der geringe Stellenwert, den viele Gemeinderäte – nicht nur in Maulbronn – dem öffentlichen Verkehr einräumen. Viele Entscheidungsträger haben häufig seit 20 oder 30 Jahren keinen Bus oder Nahverkehrszug mehr genutzt, können sich dies für sich selbst auch nicht vorstellen und sehen Fahrgäste eher als Menschen zweiter Klasse – nur wer Auto fährt, ist auch wer“, beklagt Lieb. Diese Haltung stehe im Widerspruch zu den gesamten Beschlüssen auf Europäischer, Bundes- und Landesebene, die jeweils zur Erreichung der Klimaziele eine Verdoppelung der Fahrgastzahlen vorsehen. „Doch diese politisch gewollte Verdoppelung innerhalb von 10 Jahren kann ohne eine Angebotsverbesserung und gleichzeitig einen Bewusstseinswandel bei den Bürgern nicht gelingen. Dazu muss die Erreichbarkeit per Bahn verbessert werden, die Wege zu Haltestellen müssen verkürzt werden – statt in Maulbronn-West müssen die Züge in Maulbronn in der Stadt halten“, stellt Matthias Lieb fest. Dafür müssten die Gemeinderäte jetzt die Weichen richtig stellen, so der VCD.

Insbesondere die Position der CDU in Maulbronn ist für den VCD unverständlich. „Auf Landesebene setzt sich gerade die CDU für Streckenreaktivierungen nicht nur im Ballungsraum, sondern auch im ländlichen Raum ein“, erklärt Matthias Lieb. „Und im Jahr 1998 hatte die CDU in Maulbronn zusammen mit der LMU die Stilllegung der Strecke verhindert, um zu einem späteren Zeitpunkt eine Reaktivierung der Bahn zu ermöglichen“. Dieser Zeitpunkt sei aus VCD-Sicht jetzt da. In Maulbronn werde mit dem Schenk- und dem Schmid&Wezel-Areal die Innenentwicklung gestärkt – mit kurzen Wegen zu einem möglichen Bahnhaltepunkt. Dass man nun gerade jetzt, wenn auf Bundes- und Landesebene die Voraussetzungen für Eisenbahnreaktivierungen so gut seien wie noch nie in den letzten 70 Jahren und erhebliche Fördermittel bereitgestellt würden, noch weiter auf noch bessere Rahmenbedingungen warten wolle, wie ein CDU-Gemeinderat vortrug, ist wenig plausibel, beklagt der VCD. Vielmehr komme im immer stärker werdenden Standortwettbewerb der Kommunen einer Stadtbahnanbindung ein hoher Stellenwert zu, der die Attraktivität einer Stadt erheblich hebe, so der VCD.

Aus Sicht des VCD sollte der Gemeinderat die Zeit bis zur nächsten Abstimmung über das Stichgleis dafür nutzen, sich Gedanken über ein nachhaltiges Mobilitätskonzept für die Klosterstadt zu machen und darüber nachzudenken, wie die Bürger der Stadt in 10 Jahren mobil sein sollen – dazu sollten auch die Bürger gehört werden.

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