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Gute Fahrt! Leserbrief zum Schwenninger Bahnhof

Wenn man die Diskussion über die Zukunft des Schwenninger Bahnhofs mitverfolgt, kann man manchmal nur den Kopf schütteln. Denn fast niemand spricht darüber, wozu man einen Bahnhof eigentlich braucht.

Man habe kein Nutzungskonzept, hört man immer wieder. Dass ein Bahnhof  aber dazu da ist, öffentlichen Zugverkehr zu ermöglichen, scheint bei vielen der Diskutanten und Entscheidungsträger in Vergessenheit geraten zu sein. Ebenfalls scheint vielen nicht bekannt zu sein, dass ein guter Bahnhof nicht nur aus Bahnsteig und Gleis besteht, sondern auch aus manchen anderen Dingen wie einladender Wartehalle mit Sitzbänken, Fahrkartenverkauf, Kaffee-Shop, Service-Einrichtungen und einigem mehr. Oder wer steht im Winter gerne auf dem kalten Bahnsteig, um auf den Zug zu warten? Oder wer drängt sich danach, in der Kälte in der langen Warteschlange vor dem Automaten zu stehen? Und darauf zu hoffen, dass man noch rechtzeitig drankommt, bevor der Zug einfährt?

Dabei muss man ja sagen, dass es im Augenblick in Schwenningen gar nicht schlecht funktioniert, auch wenn sich natürlich noch einiges verbessern ließe wie etwa Back- und Zeitungsshop, mehr Sitzgelegenheiten oder die Schaffung einer Fahrrad-Station. Aber die Stadt muss doch dafür Sorge tragen, dass dies so bleibt! Niemand hat ja etwas dagegen, wenn der bisherige „Ostbahnhof“- Pächter mit neuem Vertrag weitermacht. Aber das Gebäude darf doch nicht in Privatbesitz verwandelt werden, das dann in späteren  Jahren möglicherweise an den nächsten verkauft wird. Dann hat die Stadt überhaupt keine Kontrolle mehr darüber, was mit und in dem Gebäude vor sich geht. Schon jetzt machen sich ja die Angestellten für Fahrkartenverkauf und Tourist-Service berechtigte Sorgen um ihren Arbeitsplatz.

Die vielen abschreckenden Beispiele von öden und verfallenden DB-Bahnhöfen nach deren Verkauf in private Hände sind ja allgemein bekannt. Wer dies nicht so recht glauben will, dem sei eine Reise in die viel besuchte ehemalige Residenzstadt Gotha empfohlen, viel bekannter als VS, aber mit vergleichbarer Größe wie Schwenningen. Ehemals ein funktionierender und lebendiger Bahnhof, heute ein völlig herunter gekommenes trostloses Areal, verwahrlost, verdreckt, kaum eine Türe funktioniert. Die einst zahlreichen Bahnhof-Shops alle bis auf einen einzigen geschlossen und verriegelt, sogar das Reisezentrum hat sich in einen benachbarten Bau zurückgezogen. Wie konnte das passieren?  -  Ein Privatmann oder ein Konsortium von Privatleuten hatte den Bahnhof vor Jahren gekauft und dann auf diese Weise heruntergewirtschaftet und verkommen lassen.

Um solch ein Risiko zu vermeiden, das in zahlreichen Orten ganz ähnlich ist, sehen es viele Städte inzwischen als Selbstverständlichkeit und ein Gebot der Vernunft, ihren Bahnhof zu kaufen, um die Zukunft des öffentlichen Verkehrs in ihrer Region zu sichern. Aber wie es scheint, nicht in Villingen-Schwenningen. Hier sind die Fronten im Gemeinderat dermaßen verhärtet, dass es den Mehrheitsfraktionen offensichtlich nur darauf ankommt, das abzulehnen, was Verwaltung und Bürgermeister vorschlagen - egal was es ist. Und diese fühlen sich so sehr in der Defensive, dass sie sich gar nicht mehr trauen, der Vernunft zu folgen und das ganze Bahnhofsareal zum Kauf vorzuschlagen. Nicht einmal die für den Zugverkehr so wichtige Wartehalle will man erwerben, sondern sich mit dem Vorplatz zufrieden geben.

Aber selbst das ist den Mehrheitsfraktionen noch zu viel. Und die örtliche Zeitung „Neckarquelle“ - bis zum Wechsel der Redaktionsleitung vor einigen Monaten für ihre ausgewogene Berichterstattung sehr geachtet – macht neuerdings mit verqueren Berichten ebenfalls Stimmung gegen den Kauf. Zuletzt mit einem tendenziösen Artikel über die gemeinsame Stellungnahme von vielen örtlichen Verbänden zugunsten des Kaufs. Diese werden schon in der Überschrift als „Naturfreunde“ verniedlicht, um damit unterschwellig zu suggerieren, dass es sich um naive Natur-Romantiker handelt, die ohnehin nichts von Finanzen und Politik verstehen. Deren Meinung braucht man also nicht so richtig ernst zu nehmen, liest man zwischen den Zeilen.  

„Wir brauchen diesen Bahnhof nicht“, verkündete im letzten Jahr der Sprecher der größten Fraktion im Stadtrat. Klar, wer denkt, er fährt sowieso Auto, den interessiert der öffentliche Verkehr

nicht und ihm kommt es vor allem auf die Zahl der Parkplätze an. Dass gerade ein funktionierender öffentlicher Verkehr mit guter Infrastruktur auch in Schwenningen die Zahl der Parkplatzsuchenden verringern würde, kommt dann überhaupt nicht mehr in den Sinn.

Offensichtlich hat auch in VS das „postfaktische“ Zeitalter angefangen. Alle Welt schaut im Augenblick auf Trump in Amerika, wie dieser mit „alternativen Fakten“ herumjongliert und seinem Land schadet. Aber wir brauchen gar keinen Trump in Villingen-Schwenningen, wir kriegen es auch selbst hin, Vernunft und gesunden Menschenverstand abzuschalten, den Karren bzw. Zug an die Wand zu fahren und den Weg zu zukunftsfähigen Lösungen zu verbauen. Gute Fahrt!

                                                                                                       Ekkehard Hausen

Erschienen am 9.2.2017 in allen drei regionalen Zeitungen: Südwestpresse, Südkurier, Schwarzwälder Bote

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