Baden-Württemberg

Landesverband BW, Schienenverkehr, Tourismus
Landesverband BW

Exkursion des VCD 2021: Auf der Biberbahn von Mengen nach Stockach

Die diesjährige Exkursion führte mit der Biberbahn von Mengen aus über eine Strecke, auf welcher schon knapp 70 Jahre lang kein Personenverkehr mehr angeboten wurde. Gemeinsam mit Matthias Lieb, Vorsitzender des VCD-BW, und Eisenbahnbetriebsleiter Frank von Meißner ging es durch die schöne Natur des Alblachtals, vorbei an Baggerseen und beeindruckenden Landschaften. Auch konnte viel gelernt werden über die Geschichte der Bahnlinie und warum Bahn und Biber beide Liebhaber von Dämmen sind.

Am Startbahnhof Mengen musste der aus zwei Regio-Shuttle bestehende Zug der Biberbahn zunächst auf ein Nebengleis rangieren, um andere Züge von den eingleisigen Strecken kreuzen zu lassen. Nach der Begrüßung durch VCD-Landesvorsitzenden Matthias Lieb und die Zugbegleiter ging es um ca. 10:50 Uhr im gemächlichen Tempo über mehrere Bahnübergänge teilweise ohne technische Sicherungen wie Warnsignale. Das bedeutet Sport beim Aus- und Wiedereinsteigen für die Zugbegleiter mit Fähnchen zum Anhalten des Straßenverkehrs, während die Fahrgäste den Flair einer frisch wiederbelebten Bahn spürten. Personenverkehr gab es auf diesem Abschnitt schon seit 1954 nicht mehr. Der einprägsame Name Biberbahn — mehr zu diesem Tier später — wurde zur Begünstigung des Tourismus sowohl für die Bahn als auch die angrenzenden Gemeinden geschaffen. Ursprünglich namensgebend ist die Ablach, der die daher auch Ablachtalbahn genannte Strecke von diesem Ende bachaufwärts folgt im ersten Abschnitt bis Krauchenwies, wo auch ein abgebauter Abzweig von Sigmaringen einmündet. Matthias informierte gleich über die Eckdaten: Knapp 40 km Strecke im reaktivierten Teil im Eigentum der Gemeinden Meßkirch und Sauldorf, und aktuell ca. 15 Min. langsamer als zur besten Zeit des Personenverkehrs im Jahr 1873 mit Schnellzügen Ulm - Radolfzell! Die Strecke im früheren Dreiländereck Württemberg, Hohenzollern und Baden konnte in den folgenden Jahren die beim Bau gehegten Erwartungen nicht erfüllen. 1972 wurde der Personenverkehr zwischen Sigmaringen, Krauchenwies und Stockach eingestellt, 1982 auch zwischen Stockach und Radolfzell. Dieser letzte Abschnitt wurde schon 1996 erfolgreich für den Personenverkehr reaktiviert. Der Abschnitt Krauchenwies – Stockach sollte 2003 stillgelegt werden, damals organisierte der VCD Sonderzüge, um die Stilllegung zu verhindern und eine Reaktivierung anzustoßen — damals war die Zeit aber noch nicht reif.

Noch bis zum 17. Oktober übrigens geht die Saison des sonn- und feiertäglichen Freizeitverkehrs, mit voraussichtlicher Fortführung im Frühjahr 2022. Die Züge werden vom Land Baden-Württemberg bestellt. So gelten dann auch bw-Tarif, Baden-Württemberg-Ticket und u. a. Tageskarten der umliegenden Verkehrsverbünde.

In der schönen Landschaft ging es vorbei am Standort der Firma Tegometall mit Bedarf an Stahllieferungen über die Bahn. Sie ist immer noch der größte Frachtkunde und übernahm 2004 die Ablachtalbahn sogar in Eigenregie, um den Güterverkehr zum Werk sicherzustellen. Die Fahrt verlief weiter über die Halte Menningen-Leitishofen, Meßkirch und Sauldorf vorbei an Baggerseen, die durch inzwischen eingestellten Kiesabbau entstanden sind bis Stockach. Dort stiegen viele der übrigen Fahrgäste in den Zug nach Radolfzell um. Umgekehrt füllte sich auch unser Zug wieder mit vielen Fahrgästen aus Radolfzell und weiteren Teilnehmern unserer Exkursionsgruppe.

Im Pendel zurück kommentierte Frank von Meißner als einer der Betriebsleiter vom Führerstand aus den steilsten, kurvigsten, höchstgelegenen und für die Instandhaltung anspruchsvollsten Abschnitt um Schwackenreute und die Baggerseen. Deutlich wurde, dass diese ökologisch wertvollen Feuchtgebiete ein Reservoir für artenschutzrechtlich geschützte Biber und viele Wasservogelarten bieten. Naturgemäß lieben Biber, Wasser aufzustauen, was sich als Ursache für ein Absacken des Bahndamms auf einer Länge von 30 Metern herausstellte: Durch Nässe verliert er an Stabilität, weshalb Planum und Schotter gerade dazu dienen sollen, Wasser abzuführen, und dies funktionierte nicht mehr. Durch konzertierten Einsatz örtlicher Gemeinden und Baufirmen unter Einschluss ihrer Materiallager sowie ehrenamtlichen Helfern konnte der betroffene Abschnitt innerhalb weniger

Wochen grundsaniert werden. Grundsätzlich ist der Konflikt mit den Bibern, die dennoch als Namenspatron und Umweltgenossen geschätzt werden, damit nicht gelöst. Weil weitere Vorfälle zu befürchten sind, wird der fragliche Streckenabschnitt von Ehrenamtlichen engmaschig kontrolliert. Weder weitere Sanierungen noch Naturschutzmaßnahmen können jedoch von der finanziell ohnehin knappen Biberbahn gestemmt werden, so dass bei Wiederholungen die Betriebseinstellung droht. Naturschutzbehörden und Land sind gefragt, Lösungen zu finden.

Sonst zur Strecke erfuhren wir, dass diverse Bahnübergangssicherungen in Eigenarbeit mit beschafften Gebrauchtteilen saniert wurden und auch die restlichen nach und nach hergerichtet werden sollen. Bis dahin verbleiben einzelne Stopps und Verzögerungen auf Schrittgeschwindigkeit, um sicher passieren zu können. Bestimmend für die Streckengeschwindigkeit sind die Sichtbeziehungen an den Querungen, und mit entsprechenden Sicherungen wären zukünftig bis zu 80 km/h auf den größtenteils geraden Streckenabschnitten drin. Technische Blocksicherung und selbst Personal für einen Zugleitbetrieb gibt es nicht, denn mit einer Ausnahmegenehmigung folgt man dem sog. Ein-Zug-Betrieb, d. h. es darf sich immer nur ein Zug auf der gesamten Strecke befinden. Von früheren Eigentümern bereits veräußerte Bahnhofsgebäude können zwar nicht mehr genutzt werden, doch die Bahnsteige wurden pragmatisch mit Kieseloberfläche und holzgeständerten Tafeln zu einem Bruchteil des Preises hergerichtet, der für Bahnsteigbauten üblich ist. Darin liegt auch der Grund, weshalb an manch einem Ort nicht gehalten wird: Die bereits beteiligten Gemeinden fordern von den anderen als Voraussetzung eine Mitfinanzierung sowohl für weitere Bahnsteige als auch zur Absicherung der Unterhaltung. Die Biberbahn verbindet Ulm und die westliche Bodenseeregion und darüber hinaus auf kurzen Weg, weshalb es nicht verwundert, dass die Ausflugsverbindungen auch von Fernreisenden genutzt werden. Ein ganztägiger Personenverkehr, der im Stundentakt natürlich ein richtiges Zugsicherungsverfahren benötigt, wird vom Land geprüft, und wäre selbst bei den geringen Fahrgeschwindigkeiten im Vergleich zu den Busverkehren schneller. Der Zuspruch zur Bahn stimmt optimistisch und liegt — obwohl weiter steigerungsfähig — über den Erwartungen. Erfreulich ist die Attraktivität für Sonderfahrten, wo kurz zuvor ein Dampfzug verkehrte. Auch im Güterverkehr bewirbt man sich sowohl um Durch- als auch Quell-/Zielfahrten und würde gerne weitere Verladestationen wieder in Betrieb nehmen.

In Meßkirch angekommen war Zeit für Fotos und das Mittagessen mit Gesprächen auf verkehrspolitisch hohem Niveau. Für die Vorträge wechselten wir ins Meßkirchner Schloss. Bürgermeister Arne Zwick, der sich selbst als passionierten Autofahrer bezeichnete, berichtete von der Erkenntnis bei der drohenden Stilllegung der Ablachtalbahn auf dem letzten Abschnitt, dass es sich trotz der überschaubaren Bedeutung und Wahrnehmung um eine „richtige Eisenbahn“ handele, deren erneuter Bau einen Zeitraum von mehreren Generationen erfordern würde und sie so praktisch unwiederbringlich sei. Mangels anderer Akteure engagierte sich Meßkirch bei zwar kritischer, aber doch wohlwollender Haltung im Gemeinderat beim Kauf der Bahn zum symbolischen Preis von einem Euro. Die Gemeinden seien zwar weder für Bahn noch ÖPNV zuständig, doch für Wirtschaft und vor allem dem Tourismus ließe sich ein Nutzen darstellen, was sich schon jetzt bestätige: Es sei eine Belebung der Besuche im Ort mit Sehenswürdigkeiten und Gastronomie festzustellen, und das obwohl man mit dem Marketing erst begonnen habe. Auch finde die Biberbahn breite Unterstützung in der Bevölkerung nicht zuletzt auch mit einem aktiven Förderverein und zahlreichen tatkräftigen Mitgliedern. Dennoch gebe es einzelne Gegner unter den Anwohnern. Während Sorgen um Lärm, Erschütterungen und Natur nachvollziehbar seien, verwundern solche um Einblicke in die Gärten. Der VCD lobt an dieser Stelle, dass Meßkirch und Sauldorf Eigentum und Verantwortung für die Biberbahn außerhalb der Aufgaben auf Gemeindeebene übernommen haben und wünscht, dass solch Vorbild und Weitblick Schule machen.

Auch Eisenbahnbetriebsleiter Frank von Meißner lobte das große Engagement von kommunaler und ehrenamtlicher Seite, was auch ihn selbst betreffe, denn es gehe über die als Nebenberuf ausgeübte Norm hinaus. Detailliert erläuterte er die Historie, Maßnahmen zur Wiederherstellung und Betriebsaufnahme, wo Erfahrungen aus der im Osten benachbarten Räuberbahn genutzt werden konnten. Genehmigungen seien eine Herausforderung gewesen, denn größtenteils auf monopolistische Staatsbahnen ausgerichtete EU-Regulierungen erforderten Beschreibungen zahlreicher hier kaum anwendbarer Fälle im Umfang von mehr als 200 Seiten. Der Betrieb sei einigermaßen auskömmlich mit Unterstützung des Landes und Flexibilität innerhalb der Rahmenbedingungen von dieser Seite und vom Landkreis Sigmaringen mit einem zwar überschaubaren aber wichtigen Beitrag. Spielraum für Investitionen bestehe dagegen kaum, wo man für die Zukunft das Ergebnis von Gutachten über dichten Personenverkehr abwarten müsse, um Rentabilität und Fördermöglichkeiten neu bewerten zu können. Als Vorstand des Fördervereins Ablachtalbahn erzählte Severin Rommler vom großen Zuspruch und Arbeitsleistungen der Mitglieder im Verein bei der Instandhaltung, Pflege, Kontrolle und Zugbegleitung. Man arbeite fleißig am Ausbau von Werbung und Aktionsangeboten und könne sich für die nächste Zukunft überraschen lassen.

Nach dem Spaziergang zurück zum Haltepunkt endete das Programm mit der Rückfahrt nach Stockach. Trotz unwetterbedingter Verschiebung des zuerst angesetzten Exkursionstermins war es eine Freude, die Biberbahn und die mit viel Enthusiasmus ausgestatteten Macher zu treffen.

Infomaterial zur Eisenbahnreaktivierungen im Ostalbkreis

Infomaterial zum Förderverein

Infomaterial zur Alblachtalbahn

 

Biberbahn

Mehr über Streckenreaktivierung

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VCD-Pressemitteilung:                                                             Stuttgart, 12.10.2021

 

VCD besucht reaktivierte Biberbahn: "Bewundernswertes Engagement vor Ort"

 

Zu einer verkehrspolitischen Exkursion zur Biberbahn zwischen Stockach, Meßkirch und Mengen hatte kürzlich der ökologische Verkehrsclub VCD eingeladen. Die Biberbahn ist nicht nur eine von 42 Bahnstrecken, die im Land Baden-Württemberg bezüglich ihrer Reaktivierung im planmäßigen SPNV untersucht wurden; im Vorgriff auf eine spätere Reaktivierung haben darüber hinaus die Anliegerkommunen die Strecke übernommen und für den Güterverkehr und einen Ausflugs-Personenverkehr mit großem Engagement hergerichtet. Und die Erfolge geben den lokalen Machern Recht.

Von Mengen aus fuhren die Teilnehmer zunächst nach Stockach. VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb erklärte den Teilnehmern, dass die Strecke 1873 für den Fernverkehr von Ulm Richtung Schweiz  gebaut wurde, aber Schnellzüge nur in den ersten Jahren unterwegs waren. Damals waren die Züge zwischen Mengen und Radolfzell 13 Minuten schneller als heute der sonntägliche Ausflugsverkehr. Im Jahr 2003 organisierte der VCD Sonderzüge, um die drohende Stilllegung der Strecke zu verhindern.

In Meßkirch wurden die Exkursionsteilnehmer im Schloss von Bürgermeister Arne Zwick begrüßt, der die Beweggründe der Stadt Meßkirch erläuterte, zusammen mit der Gemeinde Sauldorf 40 Kilometer Eisenbahnstrecke zu übernehmen: „Die erfolgreiche Low-Cost-Reaktivierung der Räuberbahn nach Pfullendorf gab für uns den Anstoß, zu prüfen, ob auch die durch Meßkirch führende Bahnlinie wieder in Betrieb genommen werden kann. Die Prüfung ergab, dass für die Stadtentwicklung und den Tourismus die Reaktivierung große Chancen bei überschaubaren Risiken bietet.“

Eisenbahnbetriebsleiter und Berater Frank von Meißner stellte zunächst die Entwicklung der Bahnlinie in den letzten Jahren dar und den Business-Plan zur Wiederinbetriebnahme nach einfachen Standards vor. So konnte im Sommer als erster Schritt der Ausflugspersonenverkehr aufgenommen werden. Frank von Meissner: „Sowohl für Personen- wie für Güterverkehr bietet die Strecke hohe Potentiale; so sind neben den wöchentlichen Stahlzügen nun auch Holzzüge von der neuen Ladestelle Krauchenwies aus unterwegs. Und für den SPNV ist aktuell eine Machbarkeitsstudie beauftragt -- unser Ziel ist ein regelmäßiger Personenverkehr im Stundentakt“. 

Severin Rommeler vom Förderverein Ablachtalbahn erläuterte das Engagement der über 160 Vereinsmitglieder: „Unsere Mitglieder stellen die Zugbegleiter, helfen bei der Vegetationskontrolle und beim Marketing. Die Strecke wird als „Biberbahn“ touristisch vermarktet". Doch der Biber ist nicht nur Namensgeber, sondern auch ein Problem, wie die Bahnbetreiber unterstreichen: "Durch aufgestautes Wasser wird der Bahndamm instabil und sackt ab," so von Meißner. In der Zukunft komme es darauf an, dass es gelinge, zu einer Koexistenz von Eisenbahn und Biber zu gelangen.

VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb bilanzierte: „Die positive Annahme des Ausflugsverkehrs durch die Bevölkerung mit täglich rund 400 Fahrgästen und 80 beförderten Fahrrädern bei nur 3 Zugpaaren ist ein gutes Zeichen auf dem Weg zum geplanten Stundentakt“. Das deutlich spür- und sichtbare Engagement von Lokalpolitik, Förderverein und Eisenbahnexperten sei bewundernswert und Grundlage dieses eindrucksvollen Erfolgs, so Lieb abschließend.

Der VCD unterstützt Streckenreaktivierung von Eisenbahnstrecken u.a. durch Informationsveranstaltungen und Exkursionen. 

 

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