Baden-Württemberg

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VCD fordert günstigere ÖV-Tarife

Pressemitteilung Nr. 24/18 - Stuttgart, 24.09.2018: Starker Preisanstieg bei Bus und Bahn um bis zu 40 Prozent in den letzten zehn Jahren ist Hemmnis für Verkehrswende | Absenkung des Landestarifes analog zum VVS-Tarif und größere Verbundeinheiten notwendig

Welche Auswirkungen Preissteigerungen beim Öffentlichen Personen(nah)verkehr (ÖV) haben und wie sich in den letzten Jahren die Preise und die Fahrgastnachfrage in den Verbünden entwickelt hat, zeigt eine aktuelle Analyse des ökologischen Verkehrsclub VCD Baden-Württemberg.

Verglichen wurden die Fahrpreise für Einzel- und Monatskarten jeweils der ersten Preisstufe im Jahr 2008 und 2018 sowie – soweit veröffentlicht – die Fahrgastzahlen der Verbünde in den Jahren 2007 und 2017.

Dabei zeigen sich überraschende Ergebnisse im 10-Jahres-Vergleich. „Im Schnitt fahren die Baden-Württemberger zwar 6 Prozent häufiger als vor zehn Jahren mit Bus und Bahn – doch die Nutzung von PKW und Motorrad ist im gleichen Zeitraum um 9 Prozent gestiegen“, erklärt VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb und stellt fest: Eine Verkehrsverlagerung auf den ÖV, wie politisch gewünscht, hat somit nicht stattgefunden.

Hauptgrund für den fehlenden Umstieg auf Bus und Bahn ist aus VCD-Sicht die Preisentwicklung bei Benzin einerseits und den Fahrpreisen bei Bus und Bahn andererseits. Die Verbraucherpreise sind von 2008 bis 2018 um 13 Prozent angestiegen, die Benzinpreise aber nur um 1,6 Prozent - dafür wurden die Monatskarten in den Verkehrsverbünden in Baden-Württemberg im Schnitt um 33 Prozent teurer, die Einzelfahrten um 30 Prozent. „Die Aufgabenträger für den ÖPNV haben zugunsten des Steuerzahlers in den letzten Jahren viele Millionen Euro eingespart und die Fahrgäste überproportional belastet – damit konnten aber die gewünschten Verlagerungseffekte auf den ÖV nicht umgesetzt werden“, konstatiert Matthias Lieb.

Dabei war die Entwicklung je nach Verkehrsverbund zwar sehr unterschiedlich, dennoch lassen sich klare Muster erkennen:

  1. Verbünde mit Preissteigerungen nahe der Inflationsrate haben überdurchschnittliche Zuwächse bei den Fahrgastzahlen (Beispiel Regio-Verkehrsverbund Freiburg RVF mit +13 Prozent Fahrgastzuwachs bei +21 Prozent Preissteigerung).
  2. Bei Verbünden mit rund 40 Prozent und damit dreifach über der Inflationsrate liegenden Preissteigerungen stagnieren die Fahrgastzahlen oder weisen nur ein kleines Plus aus (Rhein-Neckar und Karlsruhe mit +/-1 Prozent Fahrgastzuwachs, +41 Prozent bzw. 43 Prozent Fahrpreisanstieg).
  3. Sofern eine deutliche Ausweitung des Angebotes erfolgt, steigen die Fahrgastzahlen überproportional, trotz hoher Fahrpreissteigerungen (Beispiel Verkehrsverbund Stuttgart VVS mit 19 Prozent Fahrgastzuwachs bei 13 Prozent Leistungsausweitungen und 35 Prozent Preissteigerung; Regio Verkehrsverbund Lörrach RVL mit 32 Prozent Fahrgastzuwachs bei 29 Prozent Preissteigerung, aber u.a. neuer Straßenbahn) -
  4. Angebotsverschlechterungen in Verbindung mit Preissteigerungen führen zu Fahrgastverlusten (Beispiel Pforzheimer Verbund VPE: minus 13 Prozent bei den Fahrgästen, Preissteigerung 33 Prozent).

Stuttgart und Pforzheim stehen damit für die beiden Extremfälle im Land. „In beiden Fällen ist das Ergebnis die Folge kommunaler Entscheidungen: Während im VVS die politischen Gremien das Angebot bei der S-Bahn, Stadtbahn und im Busverkehr konsequent ausgebaut haben, wurde im VPE (Pforzheim) der ÖV nur verwaltet und kostenoptimiert. So wurden Buslinien ausgedünnt und gleichzeitig die Fahrpreise erhöht – zuletzt konnte sich die Pforzheimer Politik durch eine Privatisierung des Busverkehrs um die Verantwortung für einen leistungsfähigen ÖV drücken“, stellt Matthias Lieb fest.

Baden-Württemberg leistet sich 22 verschiedene Verkehrsverbünde unterschiedlichster Größe. Der Stuttgarter VVS hat in den letzten zehn Jahren rund 56 Millionen Fahrten jährlich hinzugewonnen, das ist mehr, als drei bis vier der kleineren Verkehrsverbünde zusammen insgesamt an Fahrgästen befördern.

Rund um Freiburg ist die Bevölkerung besonders ÖV-affin: Mit 190 Fahrten pro Einwohner nutzt statistisch mehr als jeder zweite Einwohner des RVF täglich Bus und Bahn. Im Stuttgarter Verbund sind es mit 150 Fahrten je Einwohner und Jahr schon deutlich weniger. Der Landesschnitt liegt (2016) bei 112 Fahrten mit Bus und Bahn pro Einwohner und Jahr.

Die Entwicklung der letzten zehn Jahre zeigt, dass ein gutes Bus- und Bahn-Angebot zu moderaten Preisen von der Bevölkerung gerne angenommen wird. Fahrplankürzungen oder überproportionale Fahrpreissteigerungen führen allerdings zu Rückgängen.

„Das heutige Verhältnis von ÖV-Fahrpreisen zu den Kosten einer Fahrt mit dem PKW behindert allerdings eine stärkere Nutzung von Bus und Bahn. Für eine Verkehrswende müssen deshalb einerseits die Fahrpreise gegenüber dem heutigen Niveau abgesenkt werden, andererseits muss auch das Angebot sowohl in den Städten als auch in der Fläche weiter ausgebaut werden“, so Matthias Lieb.

Im Stuttgarter VVS greifen ab April 2019 auf vielen Verbindungen deutliche Preissenkungen. Das Land Baden-Württemberg hat den Verkehrsverbünden angeboten, bei Verbundkooperationen mit Tarifabsenkungen ähnliche Zuschüsse wie dem VVS zu gewähren und möchte auch den geplanten Landestarif durch Preissenkungen attraktiv gestalten.

Der VCD  begrüßt und unterstützt Tarifabsenkungen im ÖV und die Bildung größerer Verbundräume – die aktuelle VCD-Analyse bestätigt die Notwendigkeit von niedrigeren Tarifen. Darüber hinaus muss allerdings auch das Angebot bei Bus und Bahn weiter ausgebaut werden. 

 

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