Baden-Württemberg
Quelle: Katja Täubert/VCD

Die dringend erforderliche Verkehrswende einzuleiten und auszuführen ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Verkehrspolitik hat die Möglichkeit, das Mobilitätsverhalten unserer Gesellschaft nachhaltig zu beeinflussen.  Aufgabe der Politiker muss es sein, Anreize und Rahmenbedingungen für eine gesunde, umweltverträglichere und effiziente Mobilität zu setzen.

Der VCD beobachtet und kommentiert verkehrspolitische Entscheidungen, mischt sich mit eigenen Forderungen und Konzepten in die politische Debatte ein und veranstaltet Aktionen und Kampagnen für ein Umdenken von Staat und Gesellschaft.


BW, Verkehrspolitik, Schienenverkehr, Pressemitteilung, Infrastruktur
Landesverband BW

VCD: Notwendige Verkehrsverlagerung auf die Schiene erfordert Auflösung des Eisenbahn-Engpasses bei Stuttgart-Zuffenhausen

Pressemeldung Nr. 06/18 - Stuttgart, 9.3.18: Besteht auf der Schiene zwischen Stuttgart-Zuffenhausen und Stuttgart Hauptbahnhof ein Engpass? Diese Frage wurde in drei Bundestagsanfragen1 diskutiert und vom Bund mit einem klaren Nein beantwortet.

Doch neue Gutachten und eine Untersuchung des ökologischen Verkehrsclub (VCD) Baden-Württemberg zeigten auf, dass die Methodik des Bundes zur Engpassidentifikation auf der Schiene im Rahmen des Bundesverkehrswegeplanes 2030 fehlerhaft sei und dass hier tatsächlich ein massives Nadelöhr bestehe.

So könne die Landeshauptstadt die verkehrsbedingten Umwelt- und Luftreinhalteprobleme nur dann lösen, wenn rund 20 Prozent des heutigen Straßenverkehrs reduziert bzw. auf öffentliche Verkehrsmittel verlagert werde – dies wurde in verschiedenen Studien aufgezeigt. Doch ohne ausreichend dimensionierte Zulaufstrecken sei eine Erweiterung des Angebotes auf der Schiene und damit ein Umstieg weder möglich noch attraktiv, erklärt der VCD.

„Durch die Schnellfahrstrecke Mannheim – Stuttgart hat sich die Zahl der Fern-Einpendler nach Stuttgart seit dem Jahr 1991 signifikant erhöht“, erklärt VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb. „In der Spitzenstunde morgens zwischen sieben und acht Uhr kamen vor der Inbetriebnahme der Schnellfahrstrecke nur sieben Züge aus Richtung Zuffenhausen in Stuttgart Hauptbahnhof an, bis 2007 hat sich diese Zahl auf 14 Züge verdoppelt. Doch seit 2007 wurde das Zugangebot in der Spitzenstunde nicht weiter erhöht, obwohl seither die Zahl der Einpendler aus dem Einzugsbereich der Schnellfahrstrecke um 32 Prozent angestiegen ist“, stellt Matthias Lieb fest und betont: Dies sei ein deutliches Zeichen dafür, dass die Zugzahlen an der Kapazitätsgrenze seien.

Bisher müssten die Züge von der Schnellfahrstrecke auf dem Abschnitt Stuttgart-Zuffenhausen bis Stuttgart Hauptbahnhof mit den Zügen von Heilbronn gemeinsam auf einem Gleis je Richtung fahren und diese Strecke werde auch mit Stuttgart 21 nicht ausgebaut, beschreibt der VCD die Situation.

„Eine Auswertung des Landes Baden-Württemberg zur Verkehrsinfrastruktur 2030² durch die Gutachter des Bundesverkehrswegeplans zeigt, dass im Zeitfenster von sechs Uhr bis 22 Uhr diese Strecke sehr wohl überlastet ist“, erklärt Matthias Lieb und fordert Konsequenzen: „Die bisherige Methodik des BVWPs erkennt Engpässe nicht und verlagert rechnerisch eine steigende Nachfrage in die Nacht, so dass eine Engpass-Ausweisung vermieden wird“. Beim in dieser Studie betrachteten Klimaschutzszenario, das von einer Verlagerung von rund 20 Prozent des Autoverkehrs auf die Schiene ausgehe, steigt die Auslastung auf rund 170 Prozent an. Überhaupt sei dann die ganze neue Stuttgart 21-Infrastruktur völlig überlastet, so dass dringend darüber diskutiert werden müsse, wie Stuttgart 21 von einer ‚ersetzenden‘ Infrastruktur zu einer ‚ergänzenden‘ Infrastruktur umgepolt werden könne, so der VCD.

Denn diese vom Bund nicht identifizierten Engpässe führten zu Verspätungen und verhinderten eine Angebotsausweitung, so dass Autofahrer nicht zum Umsteigen bewegt werden könnten, so der VCD. Die Zahl der Metropolexpress-Züge in der Spitzenstunde für die Pendler von der Franken- und der Residenzbahn könne ohne Auflösung des Engpasses gar nicht ausgeweitet werden, beklagt der VCD.

Für die Auflösung des Engpasses bei Zuffenhausen fordert der VCD deshalb die Verlängerung der Schnellfahrstrecke von Mannheim bis zur sogenannten P-Option³ von Stuttgart 21, so dass Fernverkehr, Regionalverkehr und S-Bahn jeweils getrennte Gleise im Zulauf zum Hauptbahnhof haben.


Quellen:
1) Bundestagsdrucksachen
BT-DS 18/9963:
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/099/1809963.pdf

BT-DS 18/10925
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/109/1810925.pdf

BT-DS 18/11542
http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/18/115/1811542.pdf

2) Ministerium für Verkehr Baden-Württemberg „Verkehrsinfrastruktur 2030 – Ein Klimaschutz-szenario für Baden-Württemberg“, Oktober 2017:
https://vm.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-mvi/intern/Dateien/Broschueren/Klimaschutzszenario_10-2017_web.pdf

3) Planfeststellungsbeschluss 1.1 Stuttgart 21 vom 28.01.2005, S. 207:
http://www.bahnprojekt-stuttgart-ulm.de/uploads/tx_smediamediathek/PFA_1_1.pdf

Presse

Zu dieser Thematik ist ebenfalls ein Artikel in der internationalen Fachzeitschrift für Schienenverkehr und Technik DER EISENBAHNINGENIEUR (EI) in der März-Ausgabe 2018 erschienen.

Internationale Fachzeitschrift für Schienenverkehr und Technik
Bild 9: BVWP 2030 Auslastung Eisenbahninfrastruktur (6-22 Uhr) in Prozent, Überlastung ab 115% (Quelle: Klimaschutzszenario)
Bild 10: Auslastung der Eisenbahninfrastruktur (6-22 Uhr) in Prozent im Klimaschutzszenario (Quelle: Klimaschutzszenario)
Bild 14: Vorschlag Neubaustrecke Zuffenhausen
Tabelle 3: Berufs-Einpendler 1987 – 2015 (Quelle: Statistisches Landesamt BW, Volkszählung 1987)
Tabelle 4: Entwicklung der Zugzahlen 1974 - 2017
Tabelle 5: Zugzahlen 2016 versus Zielnetz BVWP 2030 (Quelle: BT-DS 18/10925)
Tabelle 6: Maximale Streckenauslastung je Zeitscheibe und Richtung 2030 (Quelle: BT-DS 18/10925)

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