Konstanz

Verkehrsperspektive 2040 für die Reduktion des Autoverkehrs im Landkreis Konstanz

Aus der Jahreshauptversammlung 2025 des VCD-Kreisverbands Konstanz und an der Mitgliederversammlung am 24.4.2026 wurde ein Diskussionspapier erarbeitet. Dies Diskussionspapier soll darstellen, wie eine starke Verlagerung von der Mobilität mit dem Auto hin zum „Umweltverbund“ (Öffis und Rad/Fuß) möglich gemacht werden könnte. Prämisse ist dabei, dass Mobilität unabhängig vom Wohnort für jede Person barrierefrei möglich ist. Es ist kein juristisch aus differenzierter, planerisch unangreifbarer Maßnahmenkatalog, sondern eine Richtungsangabe, um den manchmal zu engen Blick der Klein-Klein-Schritte zu erweitern.

Grundsätze:

1. Der Mensch als Anwohner hat Vorrang vor dem Menschen als Autofahrer!

2. Öffentliche Flächen sind fair verteilt zwischen Auto, ÖV, Rad- und Fußverkehr!

3. Der Verzicht aufs eigene Auto wird nicht bestraft, sondern belohnt!

4. Die Wiedergewonnene Zuverlässigkeit beim regionalen und überregionalen Bahnverkehr fördert den Verzicht aufs eigene Auto!

5. Verkehrsverlagerung weg vom MIV und Verkehrsvermeidung gehen Hand in Hand!

6. Kreisweites Vorangehen und bundesweite Bündnisse ermöglichen die Umsteuerung


1. Der Mensch als Anwohner hat Vorrang vor dem Menschen als Autofahrer

  • Wenn sich 60% der Anwohner einer Nicht-Durchgangsstraße in geheimer Abstimmung für deren Umwandlung in einen Ruhe-Boulevard entscheiden, wird der Autoverkehr auf eine Spur mit Tempo 20 km/h und nur wenige Haltebuchten (keine Parkzonen!) reduziert. Die Seitenräume werden mit breiten Fußwegen und Bäumen versehen, Straßen-Cafés eingerichtet und Spielbereiche für Kinder eingeplant.
     
  • Für alle Fahrzeuge gilt eine strikte Lärm- und Emissionsbegrenzung – „Posen“, laute Musik, nicht lärmgedämpftes und nicht abgas-gereinigtes Zweirad-Fahren werden mit hohen Ordnungsgeldern und im Wiederholungsfall mit Beschlagnahme des Fahrzeugs geahndet.

     

2. Öffentliche Verkehrsflächen sind fair verteilt zwischen Auto, ÖV, Rad- und Fußverkehr

  • Autofahren ist angenehmer geworden, weil man den Haupt-Feind des Autos zurückgedrängt hat. Der Hauptfeind des Autos ist das Auto. Lange Schlangen, Staus und ein Mangel an Parkplätzen machten das Autofahren früher zur Qual. Weil mehr Flächen fürs Auto unbezahlbar sind, lag es im Interesse der Autofahrerinnen der Zukunft, dass der Autoverkehr reduziert wird und die Verkehrsflächen gerechter verteilt wurden.
     
  • Weil sie den Nutzen haben, ist es ist fair, dass die verbleibenden Nutzerinnen von eigenen PKW die Alternativen für diejenigen mitfinanzieren, die aufs eigene Auto verzichten und den ÖPNV nutzen, per Rad oder zu Fuß unterwegs sind. Jedenfalls in den Ballungsräumen – und das ist zu einem großen Teil die Bodensee-Region. In diesem Zusammenhang wurde die Parkberechtigung im öffentlichen Raum jedes Jahr und abgestuft nach Fahrzeuggröße kontinuierlich etwas teurer bis zum Preis einer Jahreskarte für den ÖPNV. Deutlich teurer ist das Abstellen von übergroßen Fahrzeugen wie in Paris 2025.


3. Der Verzicht aufs eigene Auto wird nicht bestraft, sondern belohnt

  • Die Autonutzung durch verschiedene Car-Sharing-Modelle wird gegenüber dem AutoEigentum gefördert. Es gibt genug Car-Sharing-Parkplätze in allen Quartieren.
     
  • Busse und Bahnen im Kreis Konstanz fahren im dichten Takt und mit genug Kapazität, weil nur das eine echte Alternative zum Individualverkehr bietet. Der Landkreis Konstanz hat gelernt, die Verkehrsangebote dem tatsächlichen Bedarf anzupassen. Flexible OnDemand-Angebote, die auch von den starren Linien abweichen können, ermöglichen eine durchgehende Verkehrsversorgung zu einem etwas erhöhten Preis ein Leben ohne Auto auch auf dem Land.
     
  • Im Landkreis Konstanz (und den angrenzenden Kreisen) gibt es für den ÖPNV komfortable Hauptein- und Umstiegspunkte. In größeren Orten wie Steißlingen, Tengen, Hilzingen oder Dettingen gibt es statt zugiger Wartehäuschen persönlich betreute Stationsräume mit CaféFunktion, Naheinkaufs- Möglichkeiten, Toiletten, Post- und Ticketverkauf. Der Aufenthalt ist angenehm und sicher, bei Problemen gibt es Menschen, die sich kümmern. Zumindest einen per Video ansprechbaren MENSCHEN, der Übersicht über die aktuelle Verkehrslage und alternative Mobilitätsangebote hat und insbesondere bei Notfällen (Busausfällen) auch TaxiKapazitäten im ganzen Kreis mobilisieren kann.


4. Die wiedergewonnene Zuverlässigkeit beim regionalen und überregionalen Bahnverkehr fördert den Verzicht aufs eigene Auto

  • Der Fernverkehr auf der Bahn bietet sowohl preislich als auch insbesondere vom Komfort herveinen großen Anreiz zum Umstieg vom Auto auf die Bahn. Ganz besonders wichtig war dabei die Wiederherstellung von direkten Fernverkehrsverbindungen wie in den 1990er Jahren aus dem Kreis Konstanz nach Berlin, Ostdeutschland, Rheinland, Norddeutschland, Rom, Venedig und Straßburg. Ziel war, dass die normale touristische Anreise ins Bodenseegebiet per Bahn und NICHT mehr mit dem Auto stattfindet.
     
  • Einmal am Tag gibt es aus Konstanz zumindest innerdeutsche Direktzüge mit den vorher fehlenden Komfortmerkmalen:
     
    • realisierte Trennung von verschiedenen Reisegruppen (Normal- und Familienbereiche, Ruhezonen und teure Kleinabteile zum Beispiel für anspruchsvolle Menschen wie heutige SUV Fahrerinnen).
       
    • Großgepäck-Mitnahmebereiche, insbesondere für viele Räder (auch E-Räder)
       
    • Bordbistros mit frisch gekochten Speisen, die auf Bestellung von Restaurants an einen Unterwegshalt geliefert und im Zug nur serviert werden.
       
    • Diese Fern-Interregios haben auf der weiten Zwischenstrecke zwischen den Regionen kaum offizielle Haltepunkte, so dass durch verschiedene Alternativstrecken eine entsprechende Zuverlässigkeit garantiert werden kann.
       
    • Reisekomfort, Zuverlässigkeit und Klimagerechtigkeit haben Vorrang vor Hochgeschwindigkeit (die auch auf der Schiene klimaproblematisch ist).
       
  • Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist an die Gäubahn über die Panorama-Strecke angeschlossen. Als zentraler Umsteigepunkt für den Schienenverkehr in Baden-Württemberg gibt es sowohl den Tunnelbahnhof als auch den oberirdischen Kopfbahnhof. Nur so ist das Klimaziel Verdreifachung des Bahnverkehrs möglich. Außerdem sind angesichts von teils mehrtägigen Störungen im Tunnelbahnhof alle froh, dass es die Reservekapazitäten des oberirdischen Bahnhofs gibt. 
     
  • Reaktivierungen von Bahnstrecken im westlichen Bodenseeraum haben den öffentlichen Verkehr attraktiver gemacht, z.B. durch die Linie Singen – Etzwilen. Ein ganz besonders wichtiger Pfeiler für den sicheren Bahnverkehr in den Bodenseeraum ist die Ertüchtigung der Bahnstrecke Radolfzell – Stockach – Mengen – Ulm insbesondere bei Sperrungen der anderen Bahnstrecken im Bodenseeraum. Darum gibt es nicht nur einen lokalen Bahnverkehr, sondern mehrmals am Tag durchgehende Triebwagen zum Fernbahnhof Ulm. So wird quälerischer Ersatzbusverkehr vermieden und können sich Bahnreisende auch im Bodenseeraum wieder auf die Bahn verlassen.
     
  • Gelungener Durchbruch bei der Verlagerung der großen Konstanzer Hauptquellen des Autoverkehrs: Zwar war bereits 2023 der Anteil der Autonutzung der Konstanzer Bevölkerung im Vergleich zu anderen Städten sehr gering, der tatsächliche Straßenverkehr war aber extrem. Heute kommen Einpendler, Einkaufsverkehr und Touristen viel besser als früher auch ohne Auto an die Universität, die Insel Mainau, in die Konstanzer Altstadt oder an jedes Ziel im Landkreis.
     
  • Eine besondere Chance ist in Planung: Eine Stich- Bahnlinie entlang der Landstraßen soll den Bahnhof Allensbach mit der Insel Mainau und der Universität verbinden. Sie wäre eine tragfähige, leistungsstarke ÖV-Verbindung und würde künftig eine Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene ermöglichen. Das wird sowohl die vollen UniBuslinien entlasten, den Uni-Autoverkehr und auch den Tourismusverkehr zur Mainau (an Hochtagen 20.000 Touristinnen) zu großen Teilen auf die Schiene verlagern. Zusätzlich wird Litzelstetten und auch dem Neubaugebiet Hafner eine attraktive Bahnalternative zum Auto geboten – mit Fahrgastzahlen bis zu 40.000 Fahrten pro Tag. Anstelle von Tausenden PKW und Bussen können dann Direktzüge zur Mainau aus Zürich, Mannheim und Stuttgart eine attraktive Alternative bieten. Direkte RE-Verbindungen von der Uni nach Radolfzell, Singen und Tuttlingen können die vielen Studierenden aus der Region nach Hause bringen – was auch das dramatische Problem fehlenden studentischen Wohnraums mildern würde. Das Besondere ist: Für diese Strecke musste fast kein einziges Haus abgerissen werden.


5. Verkehrsverlagerung weg vom motorisierten Individualverkehr und Verkehrsvermeidung gehen Hand in Hand

  • Für die Viertel der Städte im Kreis und auch kleinere Gemeinden gilt das Ziel der „Stadt der kurzen Wege“. Wege unter 2 km werden nicht mehr wie noch in den 2020er Jahren mit dem Auto zurückgelegt.
     
  • 90% der Bevölkerung haben Naheinkaufsmöglichkeiten im Umkreis von 500 Metern, in denen ein normales Sortiment zu üblichen Preisen erhältlich ist. Größere Bestellungen aus anderen Einkaufszentren können dort abgeholt werden – ebenso wie Pakete. Die neue hohe Paketgebühr wird bei Abholung in den nahen Geschäften stark reduziert und sorgt so für zusätzliche Einnahmen und Kundenbesuchen in diesen Naheinkaufsläden. Zusätzlich werden den Ortschaftsräten Mittel zur Verfügung gestellt, die diese Läden so lange finanziell unterstützen, wie sie noch nicht auskömmlich betrieben werden können.


6. Kreisweites Vorangehen und bundesweite Bündnisse ermöglichen die Umsteuerung

  • Weil einige der Maßnahmen nicht allein auf regionaler Ebene realisierbar sind, sondern bundesweite Entscheidungen benötigen, üben die Kommunen durch ein bundesweites Verkehrswende-Bündnis starken politischen Druck aus. Unsere Region hat nicht die Hände in den Schoß gelegt und einfach abgewartet, sie ist mit Modellprojekten vorangegangen und war Initiator für weitere Schritte für eine Mobilitätswende. 

Wir freuen uns, wenn eine Diskussion daraus stattfindet. 

Vorstand, VCD - Kreisverband Konstanz 

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