Stuttgart, Radverkehr
Stuttgart

Parkplätze statt Bus und Radverkehr?

Diskussion um Verkehrsplanung in Rohr

Die Stadt Stuttgart hat im Bezirksbeirat Vaihingen eine neue Planung für die Waldburgstraße im Stadtteil Rohr zur Verbesserung der Radverbindung vorgestellt – und damit deutliche Reaktionen ausgelöst. Sie dient nicht nur dem Linienbusverkehr, sondern wird auch stark von Radfahrenden genutzt. Im Bezirksbeirat überwogen allerdings die Stimmen, die sich für den Erhalt der Parkplätze im direkten Wohnumfeld stark machten.

Die Stadt Stuttgart hat im Bezirksbeirat Vaihingen eine neue Planung für die Waldburgstraße im Stadtteil Rohr vorgestellt – und damit deutliche Reaktionen ausgelöst. Die Straße ist eine zentrale Verbindung zwischen der Rohrer Höhe und dem Vaihinger Zentrum. Sie dient nicht nur dem Linienbusverkehr, sondern wird auch stark von Radfahrenden genutzt – sowohl lokal als auch überregional, etwa als Zubringer zum geplanten Radschnellweg Böblingen–Herrenberg.

Um einen sicheren und flüssigen Verkehrsfluss für Rad und Bus zu gewährleisten, sieht die Planung den Wegfall von rund 100 Kfz-Stellplätzen vor. Ziel ist es, dass zwei Busse einander begegnen können, während gleichzeitig auch langsame Radfahrende sicher überholt werden können.

Im Bezirksbeirat überwogen allerdings die Stimmen, die sich für den Erhalt der Parkplätze im direkten Wohnumfeld stark machten. Einige Fraktionen zeigten Verständnis für die Sorge, künftig in Nebenstraßen parken zu müssen. Ein fraktionsübergreifender Antrag mit mehreren Prüfaufträgen zur Parkplatzkompensation sorgte schließlich für eine vorläufige Beruhigung der Debatte.

Verkehrsberuhigung statt Umleitung durch den Wald

Am darauffolgenden Samstag rief der ADFC zu einer Demonstration auf. Das Ziel: eine sichere und durchgängige Radverbindung durch Rohr und entlang des geplanten Radschnellwegs. Auch wir beteiligten uns mit einem Redebeitrag.
Darin wurde unter anderem auf die Open-Data-Zählstellen der Stadt verwiesen, die den Radverkehr in Stuttgart präzise erfassen – stündlich, richtungsgenau und über mehrere Jahre hinweg. Die Auswertung zeigt: Radfahren ist kein Freizeitphänomen, sondern Teil des alltäglichen Pendelverkehrs.

Zitat:

„Als wir diskutiert haben, ob der Radverkehr in Stuttgart-Vaihingen wirklich zunimmt, sind wir auf die Open-Data-Zählstellen gestoßen. Die erfassen ziemlich genau, wann wie viele Fahrräder an welchen Punkten unterwegs sind – stündlich, richtungsgenau und über Jahre hinweg.

Diese Daten zeigen: Fahrräder sind längst nicht nur Freizeitgeräte. Der typische Dienstag beginnt ruhig – bis etwa 6 Uhr morgens. Dann geht’s los. Zwischen 8 und 9 Uhr erreichen die Zahlen den ersten Höhepunkt. Mittags nimmt der Verkehr etwas ab, bevor ab 15 Uhr die Nachmittagswelle rollt. Bis etwa 19 Uhr sind viele unterwegs – danach klingt der Tag langsam aus.

Was heißt das? Haben Radfahrer morgens Freizeit und fahren zum Spaß durch die Stadt? Wohl kaum. Radfahrende fahren zur Arbeit, in die Schule oder zur Universität. Am Nachmittag geht es dann zurück, es werden Erledigungen gemacht, Menschen getroffen oder Freizeitaktivitäten wahrgenommen.

Diese Zusammenhänge haben viel mit den Radwegen durch Vaihingen zu tun. Gerade morgens und nachmittags drückt sich die Blechlawine durch unseren Stadtteil. Die Hauptstraße ist blockiert, man kommt kaum über die Kreuzungen. Vom Stau genervte Autofahrerinnen und Autofahrer blockieren Kreuzungen, gefährden Schüler*innen und drängen ältere Menschen auf dem Pedelec an den Rand.

Autofahrende Mitte-30-Jährige nutzen den Radstreifen und drängen Fünft- und Sechstklässler mit großen Fahrzeugen ab. Was für ‚Helden‘ unserer Zeit! So sieht es leider in der Alpenrosen- und Krehlstraße aus.“

 

Im gemeinsamen, fraktionsübergreifenden Antrag des Bezirksbeirats wurde die Stadt beauftragt, Alternativen zum vollständigen Wegfall der Stellplätze zu prüfen. Diskutiert werden unter anderem eine Umleitung des Radverkehrs durch den Wald – was bislang ohne klares Ziel bleibt – sowie eine Verkehrsberuhigung in der Krehlstraße. Letztere begrüßen wir ausdrücklich, da sie aktuell als Schleichweg stark belastet ist. Zudem stellt sie eine wichtige Verbindung zu mehreren weiterführenden Schulen dar.

Fazit: Verkehrswende braucht politischen Mut

Der Fall Waldburgstraße steht beispielhaft für viele Debatten in Stuttgart: Wer bekommt den öffentlichen Raum? Die Entscheidung zwischen bequemen Parkmöglichkeiten und sicherer, klimafreundlicher Mobilität ist auch eine Frage der städtischen Prioritäten. Wer ernsthaft sichere Schulwege, klimaneutrale Mobilität und lebenswerte Stadtteile will, muss auch unbequeme Entscheidungen treffen. Die Verkehrswende beginnt dort, wo Raum neu verteilt wird.

Jörg Dittmann

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